Fleischsalat

Eigentlich ist Frau Düvel Musikerin. Verkannt selbstverständlich; das Leben, die Menschen, die Gesundheit … so arbeitet sie, weit unter ihrer Begabung, als Klavierlehrerin und bemüht sich aufopferungsvoll, untalentierten Trotteln Rachmaninow und Bach nahezubringen, mit zweifelhaftem Erfolg, nach Meinung ihres Ehemannes.

Über jeden Zweifel erhaben ist allerdings Frau Düvels Fleischsalat – mit eigener Hand verfertigt, nach altem Familienrezept. Der Fleischsalat ist in der Nachbarschaft bekannt, Frau Düvel lädt regelmäßig zu Gelagen. Namhafte Wiesbadener Metzger versuchen seit Jahren, an die Zutatenliste und die Herstellungsabfolge zu gelangen, ohne Erfolg bislang; Frau Düvel hüllt sich in Schweigen, derweil die Nachbarschaft die Gaumenfreuden genießt und die sich nach jeder Völlerei im Hause Düvel mehrenden Hüftgebirge hinter maßgeschneiderter Gardarobe zu verbergen versucht, auch mit zweifelhaftem Erfolg.

Über Frau Düvels Ehemann vermag die Nachbarschaft wenig zu sagen. Ein gar nicht mal so unangenehmer Zeitgenosse, gar nicht mal so auffällig. Sein Verschwinden – gar nicht mal so bemerkenswert. Selbst beim letzten großen und ausnehmend köstlichen Fleischsalatgelage war er gar nicht mal so anwesend gewesen. Die arme Frau Düvel, heißt es damals. Die Fleischsalatberge, die Vorbereitung des Gelages, mit allem allein, die Frau Düvel.
Der Mann sei mit einer anderen Frau durchgebrannt, lässt Frau Düvel verlauten, einer Vegetarierin. Frau Düvel wirkt verletzt aber gefasst, das Leben muss weitergehen.
Die Polizei, die das Verschwinden des Ehemannes untersucht, kommt zu dem Schluss, dass es sich um eine Ehezerrüttung handele, normal, immerhin ist nahezu jede zweite Ehe zum Scheitern verurteilt. Die ermittelnden Beamten entspannen in Frau Düvels Sitzlandschaft, genießen viel Fleischsalat und lauschen andächtig der inbrünstigen Darbietung einiger Schubert-Impromtus. Frau Düvel tut ihnen leid; so eine nette Person.

Wenig später zieht ein junger Klavierschüler bei Frau Düvel zur Untermiete ein. Jewgeni aus Charkow, attraktiv, talentiert und sehr leidenschaftlich. Frau Düvel blüht auf. Jewgeni ist ein gelehriger Schüler, der die Feinheiten der Kunst schnell beherrscht und das Piano wie auch die Lehrerin virtuos zu handhaben weiß. Am Fleischsalat labt er sich ebenso ausdauernd, wie an der ihn zubereitenden Frau Düvel. Chopin, Tschaikowski und Grieg geraten fast ins Hintertreffen, gemahnt sich Frau Düvel nicht hin und wieder ihrer Bestimmung. Jewgeni gelangt zur Meisterschaft und verschwindet eines Tages so plötzlich, wie er erschienen ist. Er sei nun in die Meisterklasse des Sankt Petersburger Rimski-Korsakow-Konservatoriums aufgenommen worden und strebe eine Pianistenkarriere an, verkündet stolz Frau Düvel, derweil sie die Nachbarschaft zu einem Fleischsalatgelage lädt, das zu Jewgenis Ehren stattfindet.

In loser Folge erscheinen und verschwinden nun junge Klavierschüler, alle ausnehmend talentiert, alle ausnehmend hübsch – Frau Düvel trimmt sie zu Höchstleistungen, vollendet in ihnen, was ihr selbst verwehrt blieb und was sie mangels reproduktiver Schoß-Leistungen ihrer eigenen Brut nicht aufhalsen kann – mistige Biologie erfolgreich ausgetrickst.

Gefüttert wird mit Fleischsalat, das alte Familienrezept – eine Mischung aus Bratenresten, Fleischwurst, Mayonnaise, Cornichons und Gewürzen. Keiner kann Frau Düvels Fleischsalat widerstehen. Frau Düvel wiederum kann den jungen Männern nicht widerstehen, die gebannt an ihren tonleiterbetenden Lippen hängen.
Jedem einzelnen Schüler widmet sich Frau Düvel voller Hingabe. Sie zelebriert den Genuss ihrer Schüler wie ein Weinliebhaber die Verkostung eines edlen Rebensaftes. Sie inhaliert den Duft eines Jeden, erspürt die Textur seiner Haut, deren hitzige oder kühl-geschmeidige Temperatur, sie genießt die muskulösen oder auch knabenhaften Formen und berauscht sich an dem schüchternen Erröten der Schüler, die sich ihrerseits an Frau Düvels wohligem Schnurren, ihren Seufzern und ihren lustvollen Schreien ergötzen.

Es könnte alles so schön sein. Und ewig währen. Irgendwann, regelmäßig, ereignet sich eine Aufbruchstimmung. Frau Düvel hasst dieses Wort, zu oft hat sie es gehört, zu oft war sie nicht Gegenstand eines Aufbruches und beteiligt an diesem. Die Klavieradepten streben immer nach irgendetwas, was außerhalb des Düvelschen Universums liegt, irgendeine schwammige Ambition, die aus dem Gekröse ins ehrgeizzerfressene Hirn aufsteigt und Frau Düvel in Aufruhr versetzt.
Frau Düvel schlägt dann zu, mit hartem Gegenstand auf die Schädelkalotte, die splitternd erwähntes Hirn unter sich begräbt. Weg die unsäglichen Ambitionen, die Expansionswünsche. Weg auch Frau Düvels Verlassenheitsangst und die Erinnerung an das Drama mit dem Ehemann.

Es gibt Fleischsalat, Frau Düvel löst sorgfältig zartes Fleisch vom Knochen, schneidet, zerkleinert, verarbeitet alles liebevoll zu einem Kunstwerk des Genusses. Im Hintergrund spielt Emil Gilels Beethovens 32 Variationen über ein Thema in C-moll. Frau Düvel wiegt sich zufrieden im Takt. Nächste Woche kommt ein neuer Klavierschüler, der letzte wird, wie jeder andere vor ihm auch, nicht auffindbar sein.
Und sie hat einen erfolgversprechenden Vertrag unterschrieben – zukünftig wird eine bekannte Wiesbadener Metzgereikette von ihr regelmäßig und exklusiv mit Fleischsalat beliefert werden. Wiesbaden kann sich ohne jeden Zweifel glücklich schätzen.

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Eine Waldgeschichte


Zunächst ist es ein leises Brummen am Himmel, das sich ganz harmonisch in die Vielfalt der Geräusche des Waldes einfügt. Die flirrende Hitze des Sommers ist hier erträglich. Gepeinigter Seele Ruhe und Frieden zuteil werden lassend, erweist sich der Wald als Quell urwüchsiger Kraft. Was am Himmel geschieht, kümmert ihn nicht, er ist sich selbst genug, der Wald, worum er zu beneiden ist.

Das Brummen am Himmel wird unregelmäßig – synkopierend, stolpernd, herzhüpfend. Plötzlich reißt es ab, weicht einem bedrohlichen Jammerton, der anschwellend näher kommt.
Ein Getöse durchschneidet die Schweigsamkeit des Waldes, ohrenbetäubend. Es kracht, splittert, durchpflügt das Universum der friedvollen Stille.
Dann wird es Ruhe.

Man eilt, von seinen Ahnungen getrieben, auch von Neugierde – einmal im Leben eigenen Leibes einer Katastrophe teilhaftig werden, aus sicherer Entfernung natürlich.

Der Pilot kann verletzt, aber lebend aus seiner Maschine geborgen werden.
Was für ein Glück, sagen diejenigen, die ihn mit schwerem Gerät herausschneiden und seine geschundene Existenz ins Hospital verbringen, wo man den Piloten flickschustert.

Wenige Monate später stirbt der Pilot an den Folgen des Bisses einer Zecke, die bereits kurz nach seinem Absturz im Wald an ihm klebte, blind und vom Diktat der Natur zur Nahrungsaufnahme getrieben.
Was für ein Pech, sagen diejenigen, die den Piloten gerettet und ihn geflickschustert haben.

Den Wald kümmert auch das nicht. Die Jahreszeiten wechseln und künden vom ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens. Bald wird es kalt werden, die pilotenblutgefüllte Zecke wird erfrieren. Lange wird es nun ganz still sein im Wald, bis im Frühjahr neues Leben sich regt und den Wald mit seinen sanftmütigen Geräuschen erfüllt.

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Wir lieben, was uns ähnelt…

Tierisches Verhalten ist häufig von Imitationen geprägt und verweist auf die elementaren Bindungsbedürfnisse der Kreatur.
Geradezu beispielhaft präsentiert sich hier das Haustier von Herrn Sascha Lobo.

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Lustige Welt der Klingeltöne – oder „Wie´s erschallt, was will´s uns sagen?“

Vol. I
Als Benutzerin dieses Klingeltones können wir uns eine dynamische, mittelgradig zwanghafte Hausfrau mittleren Alters, unter Umständen aus Oberkotzau vorstellen. Sie bewohnt mit dem Ehegemahl ein unauffälliges und gepflegtes Reihenendhaus im Randgebiet der Kleinstadt und hat in der Nachbarschaft einen tadellosen Leumund.

Die zwei ehelichen Lendenfrüchte sind aus dem reinlichen Hause bereits ausgezogen und unsere Hausfrau genießt nun die Ungestörtheit der regelmäßigen Wochenendausflüge ins Allgäu. Hier wandert sie etwas, allerdings mit leidlicher Leidenschaft und eher, weil man auch die Landschaft genießen sollte.
Größte Freude hat unsere Hausfrau mithin an der Ausübung ihres Hobbys.

In der lauschigen und noch schlaftrunkenen Frühe idyllischer Allgäu-Sonnenaufgänge schießt sie gemeinsam mit dem Ehegemahl balgreife Füchse, alte Böcke und räudige Schwarzkittel. Manchmal ist auch ewas dabei, was sich nicht kategorisieren lässt, reden wir nicht weiter darüber.

Das Wildbret wird noch am Abschussort waidgerecht aufgebrochen, in pfannen- und bräterkompatible Einzelstücke zerteilt und flugs ins Oberkotzauer Eigenheim in die
500 – Bruttoregistertonnen – Tiefkühltruhe im Keller verbracht.

Unsere Hausfrau hat ein liebliches, rotwangiges Äußeres, ist jedoch unerhört zackig und erledigt das Wild mit Vorliebe sauber und präzise mit einem einzigen Schuss.
Ganz so, wie sie es im Grunde auch zuhause gerne mit lästigen Nachbarn und deren Haustieren täte, die ihre üble Defäkationsfracht regelmäßig in ihrem Vorgarten abladen.

Zu Weihnachten, wenn die Lendenfrüchte zu Besuch kommen, müssen sowohl aus logistischen wie auch hygienischen Gründen alle Vorräte aufgebraucht werden, sonst gibt es Ärger mit unserer Flinten-Erika, die ebenso leidenschaftlich wie sie putzt, schießt und ausweidet, auch schmort und tranchiert.

Bei der gemeinsamen, nahezu endlosen Völlerei sitzt man friedlich und schaut voller Stolz auf die recht umfangreiche selbst erarbeitete Geweih- und Wildschweinkopfsammlung, die die Wand über dem Kamin ziert.

Das Telefon ist abgeschaltet, Störungen sind absolut unerwünscht.

Im neuen Jahr wird der eine oder andere Kadaver von der Wand genommen, liebevoll abgestaubt, und unsere Hausfrau erinnert sich gerne wehmütig an den Augenblick jedes einzelnen Schusses, mit dem sie die Kreatur zu Boden streckte.

Ihren Jagdtrophäen Namen zu geben, findet sie albern, genauso wie die unsägliche Angewohnheit, aus Mangel an Identifikationsfähigkeit laufend seinen Klingelton zu wechseln.

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Zeigt her eure Füße


Das Funktionieren des Körpers kotzt mich an. Das ständige Essenmüssen, Ausscheiden, Schlaffinden alleine ist schon eine Zumutung, aber dieses dauernde Pflegen. Ständig muss man sich waschen, die Zähne mit Zahnseide durchscheuern, Achseln, Beine und Schritt kahlrasieren, die Haut mit diversen Antialterungsprodukten versehen, peelen, shampoonieren, maniküren, pediküren, parfümieren, einsalben, Hornhaut abhobeln, Nasenhaare trimmen, Augenbrauen zupfen, Pickel ausdrücken, Ohrenschmalz entfernen, zwischendurch immer wieder zum Kühlschrank, aufs Klo und ins Bett…

Ich kann nicht mehr!!

Laufend hänge ich aber auch mit irgendeiner Körperregion hinterher. Nachdem ich mir gerade die Zehennägel hübsch angepinselt habe, fällt mir auf, dass mein Antlitz erheblich abfällt. Über der Nasenwurzel zusammengewachsene Augenbrauenbalken zieren mein Gesicht, an der Oberlippe sprießt ein Bart, am Kinn entfaltet eine behaarte Warze abscheuliche Ausmaße.

Im Anschluss an die mehr oder minder erfolgreiche Beseitigung dieser Auswüchse fällt mir die nächste Baustelle ins frisch geschminkte Auge: das Haar bedarf einer dringlichen Generalüberholung – unschöner Haarfraß hat sich breit gemacht.

Im Kiez habe ich einen Barbier ausfindig gemacht, der mit weniger gepfefferten Preisen lockt. Schicker Laden, leise Entspannungsmusik, vor mir nur eine Omma, die der Restaurierung ihrer Dauerwelle entgegenträumt. Ich muss also nicht allzu lange warten, das Ommahaar hat ja seine besten Tage auch schon lange hinter sich, will heißen, es ist reichlich dünn und in kürzester Zeit zu bändigen.

Die junge Hairstylistin ist zackig, das gefällt mir gut. Allerdings ist sie auch beim Waschen meines Haares wenig zimperlich und zerrt an meiner Kopfhaut, als hätte ich Teer dort gebunkert. Während ich in der Waschschüssel liege, nehme ich einen penetranten Geruch wahr, muffig, käsig, einfach bäh. Verstohlen blicke ich um mich herum, die Omma ist nicht in Riechweite.
Unauffällig bohre ich im unbeobachteten Moment meinen Zeigefinger in meine Achselhöhle, rieche daran. Nein, ich stinke nicht. Abgesehen davon habe ich mir am Morgen die Achseln rasiert, gepudert und desodoriert. Eine in die Hand gehauchte Geruchsprobe meiner Mundhöhle bringt auch nur insoweit Klarheit, als dass ich offensichtlich auch dort nicht faule.
Die Hairstylistin fragt mich barsch, ob ich eine Pflegespülung möchte, was ich dankend ablehne.
Wo kommt dieser Gestank her?
Vielleicht haben die ihre Handtücher ein halbes Jahr nur ausgeklopft, der schmale Preis für die Haarbehandlung in diesem Salon muss ja irgendwie zustande kommen. Nein, die Handtücher sind es nicht, wie ich nach Einwickeln meines Kopfes feststellen kann.
Was zum Teufel stinkt hier so?

Die Friseurin unterbricht meine angestrengte Suche, schickt mich barsch in den Frisiersessel, fragt nach meinen Wünschen und kämmt unterdessen wenig zärtlich mein nasses Haar aus, so dass ich befürchte, nach dieser Tortur mehr als zwei Drittel meines üppigen Bewuchses einzubüßen und eine Hauptrolle in einem Tierelendfilm angeboten zu bekommen.
Währenddessen stöhnt die Hairstylistin, schüttelt den Kopf. Ich frage mal nach. Ich hätte total schlampiges und ungepflegtes Haar, das müsse ich mehr instand halten, legt sie mir barsch nahe. Einfach nur mal so waschen und dann husch, husch in die Arbeit, damit sei es nicht getan. Gerade als Frau habe man doch ganz andere Verpflichtungen seinem Haar gegenüber, da könne man doch nicht auch noch sparen.

Schon mit Beginn der Suada über meine Vernachlässigung habe ich ein ganz schlechtes Gewissen. Was bin ich für eine alte Sau. Die Stylistin holt noch weiter aus, referiert angewidert über meine fettige Kopfhaut und dass auch ein solches Problem mich nicht von der Pflicht zur Benutzung von Pflegeprodukten für mein Haar entbinden würde.
Der penetrante Geruch geht mir einfach nicht aus der Nase.
Wie oft ich mein Haar denn schneiden ließe, will die Frau von mir wissen. Die nächste Welle schlechten Gewissens überrollt mich. Offensichtlich nicht oft genug, ist meine Vermutung, die sie mir bestätigt. Bei dem Grad meiner widerwärtigen Haarversplissung könne man auf den Gedanken kommen, ich sei schon zweihundert Jahre nicht mehr beim Barbier gewesen. Immer kleiner rutsche ich im Sitz zusammen.
Der Geruch.

Die Hairstylistin schneidet zackig die Hälfte meiner Wallemähne herunter. Während sie sich abquält und mal für zwei Minuten wahrscheinlich vor Anstrengung den Schnabel hält, kann ich sie einer eingehenden Betrachtung unterziehen. Die Frau ist ein Meilenstein an Gepflegtheit, setzt ganz neue Maßstäbe. Das Haar ist splissfrei in Form, beneidenswert modern getrimmt. Die Fingernägel zum Weinen schön manikürt, das Gesicht pickelfrei und dezent geschminkt, die Wimpern schwungvoll nach oben gebogen, die Zähne gebleicht, die Kleidung adrett, stylish. Ein Anblick, den man genießt, um sich während dessen der eigenen Räude zu schämen und Besserung zu geloben.
Was zum Henker stinkt hier so?

Zackig kommt die Hairstylistin zum Ende, nicht ohne weitere diverse Bemerkungen über meine Haarnachlässigkeit zu Gehör zu bringen, sogar ihre Kollegin holt sie herbei, um ihr die am Boden liegenden Ekelsträhnen zu präsentieren, nochmals meine Faulheit und Achtlosigkeit anzumahnen und mir eindringlich nahe zu legen, ein im Salon erhältliches exzellentes Haarpflegeprodukt für 180,00 Euro käuflich zu erwerben, was ich dankend ablehne. Barsch weist sie mich dann an, das Haar selbst zu fönen, das sei im Preis nicht mit inbegriffen. Damit habe ich auch kein Problem, ich bin eher froh, dass ich jetzt vom Haken kann und nach Hause eilen, um mich zum Schämen in die Ecke zu stellen. Ich beuge mich nach vorn, hänge das Haar kopfüber und greife nach dem Fön.
Da ist er wieder, der Geruch.

Ich erkenne nun unschwer die Quelle der Ausdünstungen – die Füße der Hairstylistin. Das ist ja nicht zu glauben, es stinkt wie in der Gerichtsmedizin nach Öffnung einer seit 6 Wochen vergammelnden Wasserleiche. So was aber auch, eine Käsefüßigkeit, die ihresgleichen sucht.
Ich sehe genauer hin, obwohl mir das Wasser zwischen den Lidern hängt vom beißenden Brodem. Die Fersen der adretten Hairstylistin lugen aus abgetretenen Schlappen, ein Anblick, der das Grausen mobilisiert. Für die Beseitigung dieser Hornhautplateaus muß man beim Fachhandel ein Hufpflegeset für Nutzpferde ordern. Und der Gestank ist einfach unsäglich, Fliegen sind im Salon schon zahlreich von den Wänden gefallen.

Ich bin begeistert. Nach dem halbstündigen Vortrag über meine Extremverwahrlosung hat sich die Stulle nun prima geoutet. Es scheinen auch andere Menschen Mühe zu haben, das Funktionieren ihres Körpers zu überwachen und zu begrenzen. Danke Schwester, für die mir zugedachte Fürsorge.
Und für die umwerfende Ehrlichkeit deiner Füße.

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Wuff

Gemeinhin wird behauptet, man könne die Menschen in Katzen- und Hundeliebhaber einteilen. Je nachdem sei man dann eher von Unabhängigkeit und Eigensinnigkeit der Katze oder von Gehorsam und Unterwürfigkeit des Hundes angetan. Diese Begeisterung für tierisches Verhaltensrepertoire wird gerne auch als Spiegel der Persönlichkeit des jeweiligen Tierfans gewertet, will heißen, der Katzenmensch liebe die Freiheit, auch des Anderen, sei unangepasst und wählerisch und im übrigen individualistisch bis zum Abwinken, auch pflege er eine Vorliebe für hedonistische Lebensart und fühle sich zur Schönheit hingezogen.

Der Hundemensch hingegen habe eine bedauernswerte Neigung zur Hierarchie, suche mangels Fülle an eigener natürlicher Autorität fügsame Individuen und genieße deren demütige Hingabe und Speichelleckerei. Auch andere ungenehme Eigenschaften werden Hundemenschen zugeschrieben, sie seien etwa dominierend und selbstherrlich. Im Übrigen wird Hundemenschen ein schlechter Geschmack nachgesagt. Mithin wird auch behauptet, Katzen- und Hundemenschen verstünden sich nicht. Eine kaum zutreffende Behauptung allerdings, kommt man sich doch in dieser Verschiedenheit auf dem Wichtigsten auf Erden, dem Heiratsmarkt, ganz und gar nicht ins Gehege.

Ich selbst beherberge einen Kater, ein stattliches, freundliches und sehr elegantes Tier edler Rasse, mittlerweile ohne Hoden – soviel zur Freiheit, auch des anderen. Hundemenschen sind mir persönlich egal, mein Bekanntenkreis ist hundehalterlos. Gelegentlich stört mich die Vermenschlichung, die einige Herrchen und Frauchen den armen Kreaturen angedeihen lassen. Dies besonders in ästhetischer Hinsicht, wenn der oft überdimensionierte Hunderumpf, in ein abscheuliches Kostümchen gezwängt, bei mir eine therapieresistente Sehnervreizung verursacht. Einem Tier und der Umwelt so etwas zu anzutun, ist für einen Katzenmenschen undenkbar. Kotzanfälle, eigene wie auch die der Umwelt, sind doch vermeidbar.

Vor einiger Zeit hatte ich eine unerquickliche Auseinandersetzung mit einer Hundebesitzerin. Beim Spazierengehen im Park hatte ich mein noch recht junges Kind deutlich hörbar zur Vorsicht vor dem Hunde gemahnt. Es soll sich dem Tier nicht in der ihm eigenen Ausgelassenheit abrupt nähern, es nicht schlägern und nicht anlecken. Diese von mir mit Nachdruck vermittelten, unfassbar grausamen Reglementierungen erregten das Missfallen einer Hundemutti, die mit ihrer Töle unseren Weg kreuzte und mir als erstes ungefragt mitteilte, sie finde mein Verhalten unmöglich. Ich sei enorm hysterisch, würde das Kind schädigen und ihn mit meinem traumatisierenden Getue für sein ganzes erbärmliches Leben zu einem Hundephobiker machen.

Moment mal, merkte ich eigensinnig an, Vorbeugen ist besser, als bei allzu lascher Haltung mit dem Kopf hinterrücks auf den Bordstein fallen. Ich möchte nicht zuschauen müssen, wie ein Hund aus dem Gesicht meines Kindes herauseitert.
Das sei ja absolut übertrieben, entgegnete die Hundemutti, schließlich könne man ja fragen, ob man den Hund mal streicheln dürfe, aber das sei von einer Person wie mir zu viel verlangt. Ich sei das Allerletzte, eine hysterische Ziege, die ihr Kind mit ihrer Überfürsorglichkeit erdrücke und dafür sorge, dass es nie wieder aus freien Stücken einen Hund streicheln würde.

Sprachlos über die Hasstirade, lud ich das mitgeführte Bolzenschussgerät zum finalen Plattschuss durch. Gerade als ich ansetzte, unter die selbstgerechte Gürtellinie der Hundemutti zu ballern, lies das Kind vernehmen, der Hund stinke und sei doof, wie auch die Hundemutti und überhaupt wolle es jetzt nach Hause. Dankbar küsste ich das Kind zwischen seine Augen und lies die Hundemutti stehen, diese sichtlich angefressen darüber, dass das Balg ihr in den Rücken gefallen war. Derweil hatte ihr Tölenbesitz sich in den Dreck gelegt und weigerte sich, wieder aufzustehen.

Ich hörte die Hundemutti noch kreischen, die Hundleine über dem Hundehintern schwingen und geifern, wie unerzogen heutzutage die Kinder seien, wie unfähig die Mütter. Angemerkt: die Dame kann nur unwesentlich älter als ich gewesen sein, natürlich nicht so schön wie ich, vermutlich war dies das eigentliche Problem. An aristokratischer Geschmeidigkeit bin ich nicht zu überbieten, ebenso wenig wie an Eleganz und Liebreiz, Katzenmensch eben.

Wohin das Kind sich entwickeln würde, war lange nicht abzusehen, es malträtierte Katzen wie Hunde gleichermaßen. Beim mütterlichen Morgenkusse lies es heute nun folgendes vernehmen: „Ih Mama, voll bäh, du hast Katzenkacka im Mund“. Soviel zu Liebreiz und geschmackvoller Eleganz, Katzenmensch ist man eben auch schon morgens. Aus vollster Kehle.

Es steht nun zu befürchten, dass das Kind sich aufgrund dieser erneuten Traumatisierung durch morgendlichen mütterlichen Katzenmenschen-Mundkoffer voraussichtlich eher zu Hunden hingezogen fühlen wird. Ich hoffe allerdings, dass es bei der Auswahl der Hundebekleidung von der Grazie seiner Mutter beeinflusst ist.

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Menschenzoo

Location: 1 Spielplatz. Wenig Betrieb, deshalb gut einsehbares Terrain.

Auftritt einer Population. Bestehend aus 1 Kind und 6 Erwachsenen. Familie, 2 Stück Eltern und 4 Stück Großeltern, wie an der Physiognomie unschwer erkennbar. Die Erwachsenen: große, behäbige, ungrazile Tiere. In der Gangart wie Brontosaurier. Fürchterlich gekleidet. Die Mutter erneut schwanger, bewaffnet mit einem stark verfilzten Handfeger, der für folgenden Zweck immer in der Handtasche mitgeführt wird. Zweck: kurzes Fegen aller Spielgeräte, auf denen das Kind abgestellt wird. Das Kind, ca. 2 jährig, männlich, im Klammergriff seines Sauriervaters, der es für alle Beteiligten wie einen Affen vorführt und von Gerät zu Gerät schleppt. Die ganze lahme Bagage immer behäbig hinterher, die Kamera im Anschlag. Allen voran, die Mutter, mit dem Feger. Das Kind brüllt wie am Spieß, die ganze Zeit. Alle sind hilflos, lächeln aber und fotografieren es.

Dann ersteigt der Sauriervater die mächtig hohe Röhrenrutsche. Da passt er hüfthalber nicht mit rein. Das Kind soll alleine rutschen, einer der halbtoten Opas unten soll es fangen. Vorher sollen aber noch Fotos von dem rutschenden Affen gemacht werden. Der Opa knipst, das Kind rutscht. Der Opa knipst weiter, das Kind rutscht weiter, plums in die Kamera des Opas hinein. Und holterdiepolter hat es eine blutende Platzwunde am Schädel. Alle sind entsetzt und gelähmt, das Kind schreit und blutet. 6 Erwachsene stehen andächtig-hilflos um 1 halb-erschlagenes Affen-Kind. Die Mutter zückt 2 Stofftaschentücher. Eines wird auf die Schädelwunde gedrückt, das andere mit Mutterspucke befeuchtet zur Säuberung des Restgesichtes des Affen verwendet. Dann gehen alle ab.

Ich muss lachen. Danke, lieber Gott.

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