Zeigt her eure Füße


Das Funktionieren des Körpers kotzt mich an. Das ständige Essenmüssen, Ausscheiden, Schlaffinden alleine ist schon eine Zumutung, aber dieses dauernde Pflegen. Ständig muss man sich waschen, die Zähne mit Zahnseide durchscheuern, Achseln, Beine und Schritt kahlrasieren, die Haut mit diversen Antialterungsprodukten versehen, peelen, shampoonieren, maniküren, pediküren, parfümieren, einsalben, Hornhaut abhobeln, Nasenhaare trimmen, Augenbrauen zupfen, Pickel ausdrücken, Ohrenschmalz entfernen, zwischendurch immer wieder zum Kühlschrank, aufs Klo und ins Bett…

Ich kann nicht mehr!!

Laufend hänge ich aber auch mit irgendeiner Körperregion hinterher. Nachdem ich mir gerade die Zehennägel hübsch angepinselt habe, fällt mir auf, dass mein Antlitz erheblich abfällt. Über der Nasenwurzel zusammengewachsene Augenbrauenbalken zieren mein Gesicht, an der Oberlippe sprießt ein Bart, am Kinn entfaltet eine behaarte Warze abscheuliche Ausmaße.

Im Anschluss an die mehr oder minder erfolgreiche Beseitigung dieser Auswüchse fällt mir die nächste Baustelle ins frisch geschminkte Auge: das Haar bedarf einer dringlichen Generalüberholung – unschöner Haarfraß hat sich breit gemacht.

Im Kiez habe ich einen Barbier ausfindig gemacht, der mit weniger gepfefferten Preisen lockt. Schicker Laden, leise Entspannungsmusik, vor mir nur eine Omma, die der Restaurierung ihrer Dauerwelle entgegenträumt. Ich muss also nicht allzu lange warten, das Ommahaar hat ja seine besten Tage auch schon lange hinter sich, will heißen, es ist reichlich dünn und in kürzester Zeit zu bändigen.

Die junge Hairstylistin ist zackig, das gefällt mir gut. Allerdings ist sie auch beim Waschen meines Haares wenig zimperlich und zerrt an meiner Kopfhaut, als hätte ich Teer dort gebunkert. Während ich in der Waschschüssel liege, nehme ich einen penetranten Geruch wahr, muffig, käsig, einfach bäh. Verstohlen blicke ich um mich herum, die Omma ist nicht in Riechweite.
Unauffällig bohre ich im unbeobachteten Moment meinen Zeigefinger in meine Achselhöhle, rieche daran. Nein, ich stinke nicht. Abgesehen davon habe ich mir am Morgen die Achseln rasiert, gepudert und desodoriert. Eine in die Hand gehauchte Geruchsprobe meiner Mundhöhle bringt auch nur insoweit Klarheit, als dass ich offensichtlich auch dort nicht faule.
Die Hairstylistin fragt mich barsch, ob ich eine Pflegespülung möchte, was ich dankend ablehne.
Wo kommt dieser Gestank her?
Vielleicht haben die ihre Handtücher ein halbes Jahr nur ausgeklopft, der schmale Preis für die Haarbehandlung in diesem Salon muss ja irgendwie zustande kommen. Nein, die Handtücher sind es nicht, wie ich nach Einwickeln meines Kopfes feststellen kann.
Was zum Teufel stinkt hier so?

Die Friseurin unterbricht meine angestrengte Suche, schickt mich barsch in den Frisiersessel, fragt nach meinen Wünschen und kämmt unterdessen wenig zärtlich mein nasses Haar aus, so dass ich befürchte, nach dieser Tortur mehr als zwei Drittel meines üppigen Bewuchses einzubüßen und eine Hauptrolle in einem Tierelendfilm angeboten zu bekommen.
Währenddessen stöhnt die Hairstylistin, schüttelt den Kopf. Ich frage mal nach. Ich hätte total schlampiges und ungepflegtes Haar, das müsse ich mehr instand halten, legt sie mir barsch nahe. Einfach nur mal so waschen und dann husch, husch in die Arbeit, damit sei es nicht getan. Gerade als Frau habe man doch ganz andere Verpflichtungen seinem Haar gegenüber, da könne man doch nicht auch noch sparen.

Schon mit Beginn der Suada über meine Vernachlässigung habe ich ein ganz schlechtes Gewissen. Was bin ich für eine alte Sau. Die Stylistin holt noch weiter aus, referiert angewidert über meine fettige Kopfhaut und dass auch ein solches Problem mich nicht von der Pflicht zur Benutzung von Pflegeprodukten für mein Haar entbinden würde.
Der penetrante Geruch geht mir einfach nicht aus der Nase.
Wie oft ich mein Haar denn schneiden ließe, will die Frau von mir wissen. Die nächste Welle schlechten Gewissens überrollt mich. Offensichtlich nicht oft genug, ist meine Vermutung, die sie mir bestätigt. Bei dem Grad meiner widerwärtigen Haarversplissung könne man auf den Gedanken kommen, ich sei schon zweihundert Jahre nicht mehr beim Barbier gewesen. Immer kleiner rutsche ich im Sitz zusammen.
Der Geruch.

Die Hairstylistin schneidet zackig die Hälfte meiner Wallemähne herunter. Während sie sich abquält und mal für zwei Minuten wahrscheinlich vor Anstrengung den Schnabel hält, kann ich sie einer eingehenden Betrachtung unterziehen. Die Frau ist ein Meilenstein an Gepflegtheit, setzt ganz neue Maßstäbe. Das Haar ist splissfrei in Form, beneidenswert modern getrimmt. Die Fingernägel zum Weinen schön manikürt, das Gesicht pickelfrei und dezent geschminkt, die Wimpern schwungvoll nach oben gebogen, die Zähne gebleicht, die Kleidung adrett, stylish. Ein Anblick, den man genießt, um sich während dessen der eigenen Räude zu schämen und Besserung zu geloben.
Was zum Henker stinkt hier so?

Zackig kommt die Hairstylistin zum Ende, nicht ohne weitere diverse Bemerkungen über meine Haarnachlässigkeit zu Gehör zu bringen, sogar ihre Kollegin holt sie herbei, um ihr die am Boden liegenden Ekelsträhnen zu präsentieren, nochmals meine Faulheit und Achtlosigkeit anzumahnen und mir eindringlich nahe zu legen, ein im Salon erhältliches exzellentes Haarpflegeprodukt für 180,00 Euro käuflich zu erwerben, was ich dankend ablehne. Barsch weist sie mich dann an, das Haar selbst zu fönen, das sei im Preis nicht mit inbegriffen. Damit habe ich auch kein Problem, ich bin eher froh, dass ich jetzt vom Haken kann und nach Hause eilen, um mich zum Schämen in die Ecke zu stellen. Ich beuge mich nach vorn, hänge das Haar kopfüber und greife nach dem Fön.
Da ist er wieder, der Geruch.

Ich erkenne nun unschwer die Quelle der Ausdünstungen – die Füße der Hairstylistin. Das ist ja nicht zu glauben, es stinkt wie in der Gerichtsmedizin nach Öffnung einer seit 6 Wochen vergammelnden Wasserleiche. So was aber auch, eine Käsefüßigkeit, die ihresgleichen sucht.
Ich sehe genauer hin, obwohl mir das Wasser zwischen den Lidern hängt vom beißenden Brodem. Die Fersen der adretten Hairstylistin lugen aus abgetretenen Schlappen, ein Anblick, der das Grausen mobilisiert. Für die Beseitigung dieser Hornhautplateaus muß man beim Fachhandel ein Hufpflegeset für Nutzpferde ordern. Und der Gestank ist einfach unsäglich, Fliegen sind im Salon schon zahlreich von den Wänden gefallen.

Ich bin begeistert. Nach dem halbstündigen Vortrag über meine Extremverwahrlosung hat sich die Stulle nun prima geoutet. Es scheinen auch andere Menschen Mühe zu haben, das Funktionieren ihres Körpers zu überwachen und zu begrenzen. Danke Schwester, für die mir zugedachte Fürsorge.
Und für die umwerfende Ehrlichkeit deiner Füße.

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6 Antworten zu Zeigt her eure Füße

  1. MichaLipka schreibt:

    Ich bin wie selten: Begeistert ! Ich erkenne mich selbst in dieser Welt der Aussenwirkungen als nackter, fehlbarer Schimpanse…ich gehöre nicht dazu und bin froh darueber.

  2. Gertje schreibt:

    Hahaha! Genial!

  3. doppelfish schreibt:

    Wenn das @textzicke hört. Ui.

  4. michalipka schreibt:

    Folgt evtl.mal wieder etwas in dieser Qualität? Ich würde mich freuen.

  5. Mirko schreibt:

    Ich hab Angst. Körperhygiene könnte für mich zur Phobie werden. Nein. Ich stinke nicht,aber das Thema verfolgte mich heute den ganzen Tag und spätestens seit ich im üppig befüllten ICE im 6er Abteil alleine saß, während nicht wenige Mitreisende das Sitzen auf den Gängen bevorzugen, hab ich Angst. Und bei welchem Thema lande ich beim Stöbern. ich wiederhole mich ungern, aber ich hab Angst. Vielen Dank. Viel gelacht.

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