Fleischsalat

Eigentlich ist Frau Düvel Musikerin. Verkannt selbstverständlich; das Leben, die Menschen, die Gesundheit … so arbeitet sie, weit unter ihrer Begabung, als Klavierlehrerin und bemüht sich aufopferungsvoll, untalentierten Trotteln Rachmaninow und Bach nahezubringen, mit zweifelhaftem Erfolg, nach Meinung ihres Ehemannes.

Über jeden Zweifel erhaben ist allerdings Frau Düvels Fleischsalat – mit eigener Hand verfertigt, nach altem Familienrezept. Der Fleischsalat ist in der Nachbarschaft bekannt, Frau Düvel lädt regelmäßig zu Gelagen. Namhafte Wiesbadener Metzger versuchen seit Jahren, an die Zutatenliste und die Herstellungsabfolge zu gelangen, ohne Erfolg bislang; Frau Düvel hüllt sich in Schweigen, derweil die Nachbarschaft die Gaumenfreuden genießt und die sich nach jeder Völlerei im Hause Düvel mehrenden Hüftgebirge hinter maßgeschneiderter Gardarobe zu verbergen versucht, auch mit zweifelhaftem Erfolg.

Über Frau Düvels Ehemann vermag die Nachbarschaft wenig zu sagen. Ein gar nicht mal so unangenehmer Zeitgenosse, gar nicht mal so auffällig. Sein Verschwinden – gar nicht mal so bemerkenswert. Selbst beim letzten großen und ausnehmend köstlichen Fleischsalatgelage war er gar nicht mal so anwesend gewesen. Die arme Frau Düvel, heißt es damals. Die Fleischsalatberge, die Vorbereitung des Gelages, mit allem allein, die Frau Düvel.
Der Mann sei mit einer anderen Frau durchgebrannt, lässt Frau Düvel verlauten, einer Vegetarierin. Frau Düvel wirkt verletzt aber gefasst, das Leben muss weitergehen.
Die Polizei, die das Verschwinden des Ehemannes untersucht, kommt zu dem Schluss, dass es sich um eine Ehezerrüttung handele, normal, immerhin ist nahezu jede zweite Ehe zum Scheitern verurteilt. Die ermittelnden Beamten entspannen in Frau Düvels Sitzlandschaft, genießen viel Fleischsalat und lauschen andächtig der inbrünstigen Darbietung einiger Schubert-Impromtus. Frau Düvel tut ihnen leid; so eine nette Person.

Wenig später zieht ein junger Klavierschüler bei Frau Düvel zur Untermiete ein. Jewgeni aus Charkow, attraktiv, talentiert und sehr leidenschaftlich. Frau Düvel blüht auf. Jewgeni ist ein gelehriger Schüler, der die Feinheiten der Kunst schnell beherrscht und das Piano wie auch die Lehrerin virtuos zu handhaben weiß. Am Fleischsalat labt er sich ebenso ausdauernd, wie an der ihn zubereitenden Frau Düvel. Chopin, Tschaikowski und Grieg geraten fast ins Hintertreffen, gemahnt sich Frau Düvel nicht hin und wieder ihrer Bestimmung. Jewgeni gelangt zur Meisterschaft und verschwindet eines Tages so plötzlich, wie er erschienen ist. Er sei nun in die Meisterklasse des Sankt Petersburger Rimski-Korsakow-Konservatoriums aufgenommen worden und strebe eine Pianistenkarriere an, verkündet stolz Frau Düvel, derweil sie die Nachbarschaft zu einem Fleischsalatgelage lädt, das zu Jewgenis Ehren stattfindet.

In loser Folge erscheinen und verschwinden nun junge Klavierschüler, alle ausnehmend talentiert, alle ausnehmend hübsch – Frau Düvel trimmt sie zu Höchstleistungen, vollendet in ihnen, was ihr selbst verwehrt blieb und was sie mangels reproduktiver Schoß-Leistungen ihrer eigenen Brut nicht aufhalsen kann – mistige Biologie erfolgreich ausgetrickst.

Gefüttert wird mit Fleischsalat, das alte Familienrezept – eine Mischung aus Bratenresten, Fleischwurst, Mayonnaise, Cornichons und Gewürzen. Keiner kann Frau Düvels Fleischsalat widerstehen. Frau Düvel wiederum kann den jungen Männern nicht widerstehen, die gebannt an ihren tonleiterbetenden Lippen hängen.
Jedem einzelnen Schüler widmet sich Frau Düvel voller Hingabe. Sie zelebriert den Genuss ihrer Schüler wie ein Weinliebhaber die Verkostung eines edlen Rebensaftes. Sie inhaliert den Duft eines Jeden, erspürt die Textur seiner Haut, deren hitzige oder kühl-geschmeidige Temperatur, sie genießt die muskulösen oder auch knabenhaften Formen und berauscht sich an dem schüchternen Erröten der Schüler, die sich ihrerseits an Frau Düvels wohligem Schnurren, ihren Seufzern und ihren lustvollen Schreien ergötzen.

Es könnte alles so schön sein. Und ewig währen. Irgendwann, regelmäßig, ereignet sich eine Aufbruchstimmung. Frau Düvel hasst dieses Wort, zu oft hat sie es gehört, zu oft war sie nicht Gegenstand eines Aufbruches und beteiligt an diesem. Die Klavieradepten streben immer nach irgendetwas, was außerhalb des Düvelschen Universums liegt, irgendeine schwammige Ambition, die aus dem Gekröse ins ehrgeizzerfressene Hirn aufsteigt und Frau Düvel in Aufruhr versetzt.
Frau Düvel schlägt dann zu, mit hartem Gegenstand auf die Schädelkalotte, die splitternd erwähntes Hirn unter sich begräbt. Weg die unsäglichen Ambitionen, die Expansionswünsche. Weg auch Frau Düvels Verlassenheitsangst und die Erinnerung an das Drama mit dem Ehemann.

Es gibt Fleischsalat, Frau Düvel löst sorgfältig zartes Fleisch vom Knochen, schneidet, zerkleinert, verarbeitet alles liebevoll zu einem Kunstwerk des Genusses. Im Hintergrund spielt Emil Gilels Beethovens 32 Variationen über ein Thema in C-moll. Frau Düvel wiegt sich zufrieden im Takt. Nächste Woche kommt ein neuer Klavierschüler, der letzte wird, wie jeder andere vor ihm auch, nicht auffindbar sein.
Und sie hat einen erfolgversprechenden Vertrag unterschrieben – zukünftig wird eine bekannte Wiesbadener Metzgereikette von ihr regelmäßig und exklusiv mit Fleischsalat beliefert werden. Wiesbaden kann sich ohne jeden Zweifel glücklich schätzen.

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